Arbeitsmarkt mit Potenzial: Ukrainische Fachfrauen zwischen Qualifikation und Integration: Qualifiziert – und trotzdem unsichtbar
- 2. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Am 1. Juni 2026 lud das Safavi Impact Institute gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Wien zu einer Fachkonferenz, die eine unbequeme Frage ins Zentrum rückte: Warum arbeiten hochqualifizierte ukrainische Frauen in Österreich so selten in den Berufen, für die sie ausgebildet wurden?
Fast die Hälfte der ukrainischen Frauen, die das Safavi Impact Institute begleitet, ist heute erwerbstätig. Das klingt zunächst nach einem Integrationserfolg. Doch ein genauerer Blick offenbart ein anderes Bild: Nur 31 Prozent davon arbeiten tatsächlich in ihrem erlernten Beruf, obwohl mehr als 80 Prozent über einen Hochschulabschluss verfügen und die meisten viele Jahre Berufserfahrung mitbringen.
Diese Zahl war der Ausgangspunkt unserer Konferenz. Und sie war auch ihr roter Faden.
Hinter den Zahlen
Integrationsministerin Claudia Bauer eröffnete die Veranstaltung gemeinsam mit Francesco Reza Safavi, Mitgründer des Instituts.
„Ukrainerinnen stellen die fleißigste Gruppe unter den Deutschlernenden Geflüchteten dar. Berufstätige Frauen lernen die Sprache leichter", sagte Bauer. Francesco Reza Safavi formulierte die Vision des Instituts so: „Wir glauben fest an die Entwicklungsmöglichkeiten von Ukrainerinnen in Österreich. Durch deren Integration wollen wir Mehrwert schaffen."
Doch Fleiß allein, das war die Botschaft der Konferenz, reicht nicht aus. Was dahintersteckt, zeigt eine Primärerhebung des Instituts, die an diesem Tag erstmals vorgestellt wurde: drei Jahre Begleitarbeit, über 500 Klientinnen, systematisch ausgewertet.
Warum Sprachkurse allein nicht genügen
80 Prozent der befragten Frauen beginnen in Österreich bei null mit der deutschen Sprache. Nach eineinhalb bis zwei Jahren intensiven Lernens erreichen die meisten das Niveau B2 oder sogar C1. Und dennoch: 64 Prozent geben an, dass ihre Deutschkenntnisse für den beruflichen Alltag noch immer nicht ausreichen.
Sprachkurse vermitteln Grammatik und Alltagsvokabular, decken aber nicht ab, was im Berufsalltag wirklich gefragt ist: spontanes Sprechen unter Druck, Fachterminologie, die informellen Konventionen am österreichischen Arbeitsplatz. Das lernt man im Kursraum kaum. Frauen, die frühzeitig in ein deutschsprachiges Berufsumfeld eintraten, entwickelten ihre Sprachkompetenz nachweislich schneller. Das ist eine Erkenntnis, die das Institut seit Jahren beobachtet und die auch auf der Konferenz deutlich wurde.
Das Netzwerk als unsichtbare Hürde
40 Prozent der Klientinnen des Instituts haben mehr als 50 Bewerbungen verschickt und dabei kaum eine Rückmeldung erhalten. Das liegt selten an aktiver Ablehnung. Häufiger daran, dass qualifizierte Stellen in Österreich oft gar nicht öffentlich ausgeschrieben werden. Viele davon werden über persönliche Empfehlungen vergeben. Wer kein lokales Netzwerk hat, findet keinen Zugang zu diesen Stellen. Und ukrainische Berufsbezeichnungen, die sich nicht direkt ins österreichische Berufsbild übersetzen lassen, landen in den meisten Bewerbungssystemen einfach im falschen Filter.
Oleksandra Demianenko, Politikwissenschaftlerin und ehemalige Universitätsdozentin aus der Ukraine, beschrieb auf der Podiumsdiskussion, wie ihre Qualifikationen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt wahrgenommen werden: als schwer einzuordnendes Profil, nicht als Kompetenz. Heute arbeitet sie in internationalen Demokratieprojekten, ist also in Österreich tätig, aber nicht im lokalen Arbeitsmarkt verankert. Ihr Fall steht stellvertretend für viele: hochqualifiziert, engagiert und dennoch am Rande des Systems.
Dass es auch anders gehen kann, zeigte die zweite Podiumsdiskussion. Stephan Bartl, Geschäftsführer eines Wiener IT-Unternehmens, schilderte, wie er vor zwei Jahren eine erfahrene Projektmanagerin aus der Ukraine eingestellt hatte, obwohl ihr Deutsch zu dem Zeitpunkt noch nicht perfekt war. Seine Entscheidung basierte nicht auf einem Zertifikat, sondern auf einem direkten Gespräch und einer konkreten Arbeitsaufgabe. Die Mitarbeiterin adaptierte sich rasch und brachte neue Perspektiven ins Team ein. Für Unternehmen mit Fachkräftebedarf ist das eine praktische Lehre: Wer den Auswahlprozess um ein kompetenzbasiertes Gespräch oder eine kurze Probearbeit erweitert, gewinnt ein realistischeres Bild als durch Lebensläufe-Screening allein.
Ärztinnen: Das schärfste Paradox
Besonders eindrücklich war das Fallbeispiel der ukrainischen Ärztinnen. Das Institut begleitet derzeit 32 Medizinerinnen mit abgeschlossenem Studium, Facharztausbildung und jahrelanger Praxiserfahrung. Österreich verzeichnet gleichzeitig in zahlreichen Fachrichtungen akuten Ärztemangel.
Der Nostrifizierungsweg kostet zwischen 3.000 und 4.000 Euro, ohne Sprachkurse und Unterhaltsgeld. Er dauert Jahre. Marharyta Kholodova, Neurologin aus der Ukraine und Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, schilderte, was das in der Praxis bedeutet. Da ihr Abschluss außerhalb der EU erworben wurde, muss sie für die Anerkennung ihres Diploms 13 einzelne Fachprüfungen ablegen sowie die medizinische Fachsprachprüfung auf C1-Niveau. Zum Vergleich: In Deutschland reichen drei Prüfungen für die Berufserlaubnis. Kholodova selbst hat in zwei Jahren Deutsch auf C1 gebracht und das Nostrifizierungsverfahren eingeleitet. Dennoch steht sie vor einem Weg, dessen Ende nicht absehbar ist. Ihr Fall macht deutlich, wo staatliche Institutionen ansetzen könnten: Nostrifikationsverfahren in Mangelberufen zu vereinfachen, zu beschleunigen und finanziell zu unterstützen wäre eine wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung.
Was zivilgesellschaftliche Organisationen tun können
Für Organisationen, die mit dieser Zielgruppe arbeiten, lautet die zentrale Erkenntnis der Konferenz: Einzelne Angebote reichen nicht. Was wirkt, ist koordinierte Begleitung nach dem Prinzip des Case Managements. Maryana Voronovych, Projekt- und Kommunikationsmanagerin des Instituts, beschreibt den Ansatz so:
„Unser Ansatz geht über einzelne Kursangebote hinaus. Im Zentrum steht der Mensch – mit seinen Kompetenzen und Zielen, seiner Lebenssituation, seinem psychologischen Zustand und seiner Motivation. Wir überprüfen gemeinsam, was jemand mitbringt, setzen realistische Ziele und begleiten den Weg dorthin: Sprachförderung, Karrierestrategie, Jobsuche, Netzwerk. Dabei verlieren wir nie aus dem Blick, welchen Wert diese Person für die österreichische Wirtschaft hat. Unser Ziel ist eine Win-Win-Situation: für die Frau und für den Arbeitsmarkt."
38 Prozent der Klientinnen, die das Institut auf diese Weise begleitet hat, fanden danach eine Stelle.
Eine wirtschaftliche, keine humanitäre Frage
Einig waren sich die Teilnehmenden am Ende des Tages in einem Punkt: Der österreichische Arbeitsmarkt braucht qualifizierte Fachkräfte, und das Potenzial ist längst da. Die Frage ist nicht mehr, ob diese Frauen gebraucht werden. Die Frage ist, wie Angebot und Nachfrage zueinanderfinden.
Es geht nicht um Fürsorge, sondern um wirtschaftlichen Nutzen. Eine Frau, die in ihrem Beruf arbeitet, zahlt Steuern, entlastet das Sozialsystem und schließt Lücken dort, wo Österreich sie dringend braucht. Das Potenzial ist da. Die Frauen sind da. Was jetzt gebraucht wird, sind die Brücken dazwischen.
Der vollständige Analysebericht des Safavi Impact Institute (Mai 2026) steht zum Download bereit:



















